26 Januar 2019

Primäre Fehleinschätzung (cont'd)

Nicht nur weil Flo von 3,40qm in seinem Kommentar zu "Primäre Fehleinschätzung" anmerkte, nur ein einziges Album von Primus zu kennen, möchte ich zu jedem ihrer Alben etwas sagen. Die EPs Miscellaneous Debris und und Rhinoplasty wollte ich dabei zunächst außen vor lassen, aber ich habe mich dann dazu entschieden, sie doch wenigstens  kurz abzufrühstücken. Zu June 2010 Rehearsal muss man aber m.E. echt nichts sagen.

Suck on this
Kennengelernt habe ich diese Platte erst nach Frizzle Fry. Wenn man sich mit der Geschichte von Primus beschäftigt, kommt Suck on this ein ganz besondere Wert zu, denn die Besetzung Claypool/LaLonde/Alexander war zu diesem Zeitpunkt noch sehr frisch, und die Idee, mit einfachsten Mitteln ausgerechnet eine Live-Platte aufzunehmen und zwecks Klinkenputzen bei den Labels auf Tonträger zu pressen, war sicherlich durchaus ein bisschen abenteuerlich. Auch die Tatsache, dass Claypool manche der Songs hiervon nicht etwa mit aufs erste Studioalbum nahm, sondern bewusst für spätere Veröffentlichungen zurückhielt, um sie nicht auf einem möglicherweise stiefmütterlich behandelten Debüt verpuffen zu lassen, macht deutlich, dass dieser ach so weirde Typ von Anfang an ein ziemlich klares Bild vor Augen hatte, wo er gerne hin wollte.
Der Sound von Suck on this ist roh und direkt, die Songs sind toll gespielt, und die später als klassisch anerkannte Primus-Besetzung hatte ihr erstes Statement abgeliefert.

Frizzle Fry
Dass dieses Album genauso beginnt wie das Live-Album, macht absolut deutlich, dass
Primus den Spirit von Suck on this mitnehmen wollten. Tatsächlich klingt ihr Studiodebüt auch nach dem kurzen Suck on this-Intro nicht minder roh und direkt, was auch daran liegt, dass ihr guter Kumpel Matt Winegar, der abermals als Tongenieur fungierte, auch hier wieder sehr intuitiv und DIY-mäßig vorging und man sich eigentlich bis heute noch darüber wundern muss, wie er einen derart crispy Sound hinbekommen hat. Ich persönlich war von diesem Sound von Beginn an begeistert, und wann immer ich die Platte auflege, möchte ich am liebsten auf die Knie gehen, weil das Album sooooo gut klingt!
Die bereits auf Suck on this verbratenen fünf Songs unterscheiden sich im Arrangement nur geringfügig von den Liveversionen, was u.a. auch daran lag, dass Claypool sie allesamt schon jahrelang mit sich rumgeschleppt und keinen Bedarf gesehen hatte, sie noch großartig zu verändern. Nicht auf dem Livealbum vertreten war seinerzeit "Too Many Puppies", ihr Hit für die Ewigkeit, der der LegendE nach aber sogar als das allererste Primus-Stück überhaupt gilt (in Claypools Demoversion noch mit Drumcomputer aufgenommen).
Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich jahrelang der Meinung war, dass man von Primus eigentlich nur die Frizzle Fry benötigt, und das lag schlicht und einfach daran, dass es sich dabei für mich immer um ein durch und durch perfekt stimmiges Album handelte, das eigentlich nicht wiederholbar sein konnte und von daher für sich genommen perfekt war. Was mir im späteren Verlauf lange Zeit durch die Lappen ging, ist aber auch die Tatsache gewesen, dass
Primus eine Wiederholung niemals vorhatten, sondern stattdessen einfach immer weiter voranschritten. Diesen Fauxpas meinerseits werde ich wohl für alle Zeiten als peinliches Kainsmal mit mir herumschleppen - schon unglaublich, wie sehr man sich selbst im Weg stehen kann!

Sailing the Seas of Cheese
Mit diesem Album im Gepäck kamen sie seinerzeit (zusammen mit Limbomaniacs, die ich ebenfalls sehr schätzte) nach Deutschland. Natürlich war klar, dass ich dabei sein musste, wenngleich mir Sailing the Seas of Cheese nicht so recht schmeckte, weil ich ja noch zu verhaftet in dem Glauben war, dass sie Frizzle Fry nicht toppen konnten und dies hiermit auch nicht getan hatten. Natürlich fand ich auch hier einige Songs toll, aber im direkten Soundvergleich klang das Album mir zu höhenlastig, und überhaupt war ja Frizzle Fry das allerbeste usw. usf. Ich war einfach zu verbohrt und nahm ihr zweites Album als Abklatsch des ersten wahr, was aber schon damals nicht stimmte und heute noch viel weniger.
Für viele Leute ist Sailing the Seas of Cheese das beste Primus-Album, und nachvollziehbar ist das durchaus, wenngleich ich dies niemals behaupten würde. Es ist aber schon so, dass Songs wie "American Life", "Jerry was a racecar driver" und natürlich "Tommy the Cat" nicht ohne Grund bis heute auf kaum einer Setlist der Band fehlen.
Das später auf den Markt geworfene Remix/Remaster, der Claypool selbst vornahm, klingt auf jeden Fall besser als das Original, aber da nur am Rande.

Miscellaneous Debris
Wunderbare und mitunter im Hinblick auf die Originalinterpreten überraschende Coverversionen im Primus-Stil, sehr liebevoll interpretiert alles - kann man so machen!

Pork Soda
Mit diesem Album feierten
Primus vor allem in den US of A ihren Durchbruch. Sehr bald nach Veröffentlichung nahmen sie ihr erstes Goldenes Album entgegen, und ein paar Jahre später gab es sogar Platin. Auslöser dieser Aufmerksamkeitsverschiebung war die Hitsingle "My name is Mud", dessen durchaus verstörendes Video täglich mehrmals auf MTV lief.
Den Erfolg dieses Albums halte ich persönlich jedoch für einen Betriebsunfall, denn dass ausgerechnet ihr bis dato düsterstes Werk die meisten Käufer fand, ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz begeisterten sich aber seinerzeit besonders amerikanische Durchschnittsjugendliche in Massen für diese ach so witzige Truppe. Aber nein - Pork Soda ist nicht witzig! Da wird mal jemandem der Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert ("My name is Mud"), oder es erhängt sich ein anderer in seiner Wohnung ("Bob"). Der Sound ist geradezu klaustrophobisch gruselig - im Vordergrund der Schlabberbass und das eigentümlich verhallte Schlagzeug, etwas weiter im Hintergrund die manchmal geradezu unterschwellig gemixte Gitarre und der wie immer merkwürdige, dieses Mal aber manchmal beängstigend wirkende Gesang. Das soll witzig sein?!?
Ihre intensivste und atmosphärischste Veröffentlichung ist definitiv Pork Soda. So gut wie hier waren die Rollen bei den klassischen
Primus vielleicht nie wieder verteilt, so krass haben sie sich nie wieder dagegen aufgelehnt, eben doch nicht witzig zu sein (was m.E. ohnehin immer schon ein krasses Missverständnis gewesen ist).

Tales from the Punchbowl
Als das Album rauskam, war ich musikalisch schon weitergezogen. Natürlich war ich immer noch der Meinung, dass Frizzle Fry die eigentlich einzig großartige Platte von ihnen war. Folglich hatte ich den Vorgänger Pork Soda zwar sofort gekauft, aber eigentlich kaum gehört, was auch mit diesem Album geschah. Das Video von "Wynona's Big Brown Weaver" ärgerte mich sogar fast ein bisschen, weil sie offenbar irgendwie doch wieder witzig rüberkommen würde, was aber freilich völliger Quatsch ist, denn in Wahrheit ist das Video genau so psychotisch wie z.B. das von "My name is Mud". Erst viel später stellte ich fest, dass ich dieses Album sträflich unterbewertet hatte, denn tatsächlich ist es nicht nur von vorne bis hinten typisch
Primus, sondern auch noch richtig gut.

Brown Album
Auch dieses Album kaufte ich sofort, und ich war sogar gespannt, wie sich der Ausstieg von Drummer Tim Alexander bemerkbar machen würde. Normalerweise hätte ich schon vorher gesagt, dass das ja nix mehr geben kann, aber der neue Drummer war Brian "Brain" Mantia, den ich u.a. von Limbomaniacs kannte und sehr schätzte. Dass er nicht versuchen würde, wie Tim zu klingen, war völlig klar. Claypool nahm seinen völlig anderen Stil zum Anlass, den gesamten Sound der Band produktionstechnisch zu verändern. Damals fand ich das völlig in Ordnung und war der Meinung, dass das Album seine Berechtigung hatte, aber wie ich schon bei Tales zu Beginn gesagt habe, war ich damals irgendwie durch mit
Primus (und glaubte ja auch immer nicht, dass Frizzle Fry usw.Als ich die Alben nach Frizzle Fry irgendwann doch aufmerksam nachholte, wurde mir nach und nach deutlich, wie gut das Album eigentlich ist. Heute bin ich sogar der Meinung, dass dies die Sternstunde von Larry LaLonde bei Primus ist (Frizzle Fry läuft allerdings außer Konkurrenz), denn hier liefert er seine mit Abstand beste Leistung ab.
Fun fact zu Larry LaLonde: Auch ihn habe ich erst später zu schätzen gelernt. Damals bei der Sailing-Tour hatte ich noch den Eindruck, dass es völlig egal ist, wer da Gitarre spielt, weil eh jeder nur Augen und Ohren für Claypool hat, aber heute weiß ich, dass sein Gitarrenspiel für
Primus ebenso wichtig ist wie Claypools Bassspiel , wenn nicht sogar noch wichtiger (hierzu später noch etwas mehr).

Rhinoplasty
Die Coverversionen auf Miscellaneous Debris fand ich allesamt besser. Den "Too many puppies"-Remix braucht echt kein Mensch, und von "Tommy the Cat" gibt es wesentlich bessere Liveversionen als diese hier. Hätte ich nicht gebraucht.

Antipop
Hierzu nur einen Satz (und ein bisschen mehr noch hinterher): Viele Köche verderben den Brei!
Ich habe schon bei der VÖ nicht verstanden, warum man dieses Album in dieser Form mit all den Gästen herausgebracht hat. Natürlich wurde es nicht zuletzt wegen mancher Beteiligter irre erfolgreich, aber sorry - das war doch echt nicht das, wofür
Primus eigentlich stand. Meiner Meinung haben sie sich hiermit ein bisschen verkauft...

Animals Should Not Try to Act Like People
Groß war die Freude, als
Primus eine DVD mit allen Videos und einigem mehr herausbrachten. Noch größer wurde sie, als klar wurde, dass auch ein paar neue Songs dabei waren. Und geradezu euphorisch wurde ich, als ich begriff, dass Tim Alexander back war! Die neuen Songs waren okay, wenn auch nicht alle super, wohl aber "Mary the Ice Cube" und vor allem "My friends Fats". Alles klang ein wenig anders, aber vielleicht konnte das mit Primus in Zukunft ja doch noch was werden.
Die ein Jahr später folgende Live-DVD unterstrich dies ebenso wie die Konzerte der Tour, die
Primus allesamt direkt nach den Konzerten online veröffentlichte. Tatsächlich habe ich ALLE Konzerte von 2003/04, die die Band seinerzeit über primuslive.com unter die Leute brachte, und ich hörte SEHR viel Primus in dieser Zeit (und holte dabei alle Alben nach, denen ich zuvor nur so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte).

Green Naugahyde
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Band tatsächlich wieder ein gemeinsames Studioalbum zustande brachte und dieses dann auch ohne Tim Alexander, denn an den Drums saß Jay Lane, der Schlagzeuger der Primus-Urbesetzung, was ja auch interessant sein konnte. Leider ist Green Naugahyde für mich eine absolute Enttäuschung gewesen - das war nicht mehr
Primus, denn wo war Larry LaLonde!?! Wirklich hörbar ist er nur in "Moron TV", "Extinction Burst" und vor allem bei "Jilly's On Smack", aber ansonsten klang das hier alles nach einem Soloalbum von Les Claypool. Vielleicht war es sogar sein bestes seit Purple Onion, das ich aber auch schon nicht so gut gefunden hatte wie seine Livealben mit der Frog Brigade. Blöd!

Primus and the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble
Auch dieses Album klang nur am Rande nach
Primus, aber immerhin war die Idee gut, und das waren ja auch keine Primus-Songs. Live habe ich sie damals leider verpasst, denn das muss echt super gewesen sein, aber ich konnte es zumindest auch ohne den Live-Eindruck verkraften, dass das hier unter dem Namen Primus veröffentlicht wurde.

The Desaturating Seven
Der erste Appetizer "The Seven" machte Hoffnung, denn das klang doch tatsächlich nach
Primus. Ich hörte nicht nur deutlich Tim Alexander, sondern eben vor allem den zuvor so schmerzlich vermissten Larry LaLonde, der für mich persönlich den eigentlich Primus-Sound bestimmt, weil sich sonst eben alles nach Les Claypool anhört, dessen Bass-Stil einfach zu eigenständig ist und der folglich nicht gut daran getan hat, diesen auch bei Primusimmer weiter nach vorne zu schieben. Leider war "The Seven" aber schon nach etwas mehr als drei Minuten wieder vorbei, aber immerhin. Beim zweiten Vorab-Song "The Scheme" wurde ich schnell wieder etwas skeptischer, was aber vielleicht auch damit zu tun hatte, dass er nicht mal die Drei-Minuten-Marke erreichte und ich mich in dieser kurzen Zeit einfach nicht final entscheiden konnte, ob mir dieses Primus-Häppchen ausreichte. Am Ende enttäuschte auch dieses Album komplett, denn nicht nur ist das Album mit knapp unter 35 Minuten insgesamt relativ kurz, sondern es wird noch kürzer, wenn man die ganzen lahmarschigen Intros und Outros, bei denen Claypool seine Effektpedals ausprobiert, abzieht.

Tja, und damit hätte ich die "Primäre Fehleinschätzung" vervollständigt. Wichtige Band, die ich immer wieder gerne höre und bei der ich, wenn ich sie mal wieder rauskrame, auch immer 1-2 Wochen hängenbleibe.

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