26 Januar 2019

Primäre Fehleinschätzung (cont'd)

Nicht nur weil Flo von 3,40qm in seinem Kommentar zu "Primäre Fehleinschätzung" anmerkte, nur ein einziges Album von Primus zu kennen, möchte ich zu jedem ihrer Alben etwas sagen. Die EPs Miscellaneous Debris und und Rhinoplasty wollte ich dabei zunächst außen vor lassen, aber ich habe mich dann dazu entschieden, sie doch wenigstens  kurz abzufrühstücken. Zu June 2010 Rehearsal muss man aber m.E. echt nichts sagen.

Suck on this
Kennengelernt habe ich diese Platte erst nach Frizzle Fry. Wenn man sich mit der Geschichte von Primus beschäftigt, kommt Suck on this ein ganz besondere Wert zu, denn die Besetzung Claypool/LaLonde/Alexander war zu diesem Zeitpunkt noch sehr frisch, und die Idee, mit einfachsten Mitteln ausgerechnet eine Live-Platte aufzunehmen und zwecks Klinkenputzen bei den Labels auf Tonträger zu pressen, war sicherlich durchaus ein bisschen abenteuerlich. Auch die Tatsache, dass Claypool manche der Songs hiervon nicht etwa mit aufs erste Studioalbum nahm, sondern bewusst für spätere Veröffentlichungen zurückhielt, um sie nicht auf einem möglicherweise stiefmütterlich behandelten Debüt verpuffen zu lassen, macht deutlich, dass dieser ach so weirde Typ von Anfang an ein ziemlich klares Bild vor Augen hatte, wo er gerne hin wollte.
Der Sound von Suck on this ist roh und direkt, die Songs sind toll gespielt, und die später als klassisch anerkannte Primus-Besetzung hatte ihr erstes Statement abgeliefert.

Frizzle Fry
Dass dieses Album genauso beginnt wie das Live-Album, macht absolut deutlich, dass
Primus den Spirit von Suck on this mitnehmen wollten. Tatsächlich klingt ihr Studiodebüt auch nach dem kurzen Suck on this-Intro nicht minder roh und direkt, was auch daran liegt, dass ihr guter Kumpel Matt Winegar, der abermals als Tongenieur fungierte, auch hier wieder sehr intuitiv und DIY-mäßig vorging und man sich eigentlich bis heute noch darüber wundern muss, wie er einen derart crispy Sound hinbekommen hat. Ich persönlich war von diesem Sound von Beginn an begeistert, und wann immer ich die Platte auflege, möchte ich am liebsten auf die Knie gehen, weil das Album sooooo gut klingt!
Die bereits auf Suck on this verbratenen fünf Songs unterscheiden sich im Arrangement nur geringfügig von den Liveversionen, was u.a. auch daran lag, dass Claypool sie allesamt schon jahrelang mit sich rumgeschleppt und keinen Bedarf gesehen hatte, sie noch großartig zu verändern. Nicht auf dem Livealbum vertreten war seinerzeit "Too Many Puppies", ihr Hit für die Ewigkeit, der der LegendE nach aber sogar als das allererste Primus-Stück überhaupt gilt (in Claypools Demoversion noch mit Drumcomputer aufgenommen).
Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich jahrelang der Meinung war, dass man von Primus eigentlich nur die Frizzle Fry benötigt, und das lag schlicht und einfach daran, dass es sich dabei für mich immer um ein durch und durch perfekt stimmiges Album handelte, das eigentlich nicht wiederholbar sein konnte und von daher für sich genommen perfekt war. Was mir im späteren Verlauf lange Zeit durch die Lappen ging, ist aber auch die Tatsache gewesen, dass
Primus eine Wiederholung niemals vorhatten, sondern stattdessen einfach immer weiter voranschritten. Diesen Fauxpas meinerseits werde ich wohl für alle Zeiten als peinliches Kainsmal mit mir herumschleppen - schon unglaublich, wie sehr man sich selbst im Weg stehen kann!

Sailing the Seas of Cheese
Mit diesem Album im Gepäck kamen sie seinerzeit (zusammen mit Limbomaniacs, die ich ebenfalls sehr schätzte) nach Deutschland. Natürlich war klar, dass ich dabei sein musste, wenngleich mir Sailing the Seas of Cheese nicht so recht schmeckte, weil ich ja noch zu verhaftet in dem Glauben war, dass sie Frizzle Fry nicht toppen konnten und dies hiermit auch nicht getan hatten. Natürlich fand ich auch hier einige Songs toll, aber im direkten Soundvergleich klang das Album mir zu höhenlastig, und überhaupt war ja Frizzle Fry das allerbeste usw. usf. Ich war einfach zu verbohrt und nahm ihr zweites Album als Abklatsch des ersten wahr, was aber schon damals nicht stimmte und heute noch viel weniger.
Für viele Leute ist Sailing the Seas of Cheese das beste Primus-Album, und nachvollziehbar ist das durchaus, wenngleich ich dies niemals behaupten würde. Es ist aber schon so, dass Songs wie "American Life", "Jerry was a racecar driver" und natürlich "Tommy the Cat" nicht ohne Grund bis heute auf kaum einer Setlist der Band fehlen.
Das später auf den Markt geworfene Remix/Remaster, der Claypool selbst vornahm, klingt auf jeden Fall besser als das Original, aber da nur am Rande.

Miscellaneous Debris
Wunderbare und mitunter im Hinblick auf die Originalinterpreten überraschende Coverversionen im Primus-Stil, sehr liebevoll interpretiert alles - kann man so machen!

Pork Soda
Mit diesem Album feierten
Primus vor allem in den US of A ihren Durchbruch. Sehr bald nach Veröffentlichung nahmen sie ihr erstes Goldenes Album entgegen, und ein paar Jahre später gab es sogar Platin. Auslöser dieser Aufmerksamkeitsverschiebung war die Hitsingle "My name is Mud", dessen durchaus verstörendes Video täglich mehrmals auf MTV lief.
Den Erfolg dieses Albums halte ich persönlich jedoch für einen Betriebsunfall, denn dass ausgerechnet ihr bis dato düsterstes Werk die meisten Käufer fand, ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz begeisterten sich aber seinerzeit besonders amerikanische Durchschnittsjugendliche in Massen für diese ach so witzige Truppe. Aber nein - Pork Soda ist nicht witzig! Da wird mal jemandem der Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert ("My name is Mud"), oder es erhängt sich ein anderer in seiner Wohnung ("Bob"). Der Sound ist geradezu klaustrophobisch gruselig - im Vordergrund der Schlabberbass und das eigentümlich verhallte Schlagzeug, etwas weiter im Hintergrund die manchmal geradezu unterschwellig gemixte Gitarre und der wie immer merkwürdige, dieses Mal aber manchmal beängstigend wirkende Gesang. Das soll witzig sein?!?
Ihre intensivste und atmosphärischste Veröffentlichung ist definitiv Pork Soda. So gut wie hier waren die Rollen bei den klassischen
Primus vielleicht nie wieder verteilt, so krass haben sie sich nie wieder dagegen aufgelehnt, eben doch nicht witzig zu sein (was m.E. ohnehin immer schon ein krasses Missverständnis gewesen ist).

Tales from the Punchbowl
Als das Album rauskam, war ich musikalisch schon weitergezogen. Natürlich war ich immer noch der Meinung, dass Frizzle Fry die eigentlich einzig großartige Platte von ihnen war. Folglich hatte ich den Vorgänger Pork Soda zwar sofort gekauft, aber eigentlich kaum gehört, was auch mit diesem Album geschah. Das Video von "Wynona's Big Brown Weaver" ärgerte mich sogar fast ein bisschen, weil sie offenbar irgendwie doch wieder witzig rüberkommen würde, was aber freilich völliger Quatsch ist, denn in Wahrheit ist das Video genau so psychotisch wie z.B. das von "My name is Mud". Erst viel später stellte ich fest, dass ich dieses Album sträflich unterbewertet hatte, denn tatsächlich ist es nicht nur von vorne bis hinten typisch
Primus, sondern auch noch richtig gut.

Brown Album
Auch dieses Album kaufte ich sofort, und ich war sogar gespannt, wie sich der Ausstieg von Drummer Tim Alexander bemerkbar machen würde. Normalerweise hätte ich schon vorher gesagt, dass das ja nix mehr geben kann, aber der neue Drummer war Brian "Brain" Mantia, den ich u.a. von Limbomaniacs kannte und sehr schätzte. Dass er nicht versuchen würde, wie Tim zu klingen, war völlig klar. Claypool nahm seinen völlig anderen Stil zum Anlass, den gesamten Sound der Band produktionstechnisch zu verändern. Damals fand ich das völlig in Ordnung und war der Meinung, dass das Album seine Berechtigung hatte, aber wie ich schon bei Tales zu Beginn gesagt habe, war ich damals irgendwie durch mit
Primus (und glaubte ja auch immer nicht, dass Frizzle Fry usw.Als ich die Alben nach Frizzle Fry irgendwann doch aufmerksam nachholte, wurde mir nach und nach deutlich, wie gut das Album eigentlich ist. Heute bin ich sogar der Meinung, dass dies die Sternstunde von Larry LaLonde bei Primus ist (Frizzle Fry läuft allerdings außer Konkurrenz), denn hier liefert er seine mit Abstand beste Leistung ab.
Fun fact zu Larry LaLonde: Auch ihn habe ich erst später zu schätzen gelernt. Damals bei der Sailing-Tour hatte ich noch den Eindruck, dass es völlig egal ist, wer da Gitarre spielt, weil eh jeder nur Augen und Ohren für Claypool hat, aber heute weiß ich, dass sein Gitarrenspiel für
Primus ebenso wichtig ist wie Claypools Bassspiel , wenn nicht sogar noch wichtiger (hierzu später noch etwas mehr).

Rhinoplasty
Die Coverversionen auf Miscellaneous Debris fand ich allesamt besser. Den "Too many puppies"-Remix braucht echt kein Mensch, und von "Tommy the Cat" gibt es wesentlich bessere Liveversionen als diese hier. Hätte ich nicht gebraucht.

Antipop
Hierzu nur einen Satz (und ein bisschen mehr noch hinterher): Viele Köche verderben den Brei!
Ich habe schon bei der VÖ nicht verstanden, warum man dieses Album in dieser Form mit all den Gästen herausgebracht hat. Natürlich wurde es nicht zuletzt wegen mancher Beteiligter irre erfolgreich, aber sorry - das war doch echt nicht das, wofür
Primus eigentlich stand. Meiner Meinung haben sie sich hiermit ein bisschen verkauft...

Animals Should Not Try to Act Like People
Groß war die Freude, als
Primus eine DVD mit allen Videos und einigem mehr herausbrachten. Noch größer wurde sie, als klar wurde, dass auch ein paar neue Songs dabei waren. Und geradezu euphorisch wurde ich, als ich begriff, dass Tim Alexander back war! Die neuen Songs waren okay, wenn auch nicht alle super, wohl aber "Mary the Ice Cube" und vor allem "My friends Fats". Alles klang ein wenig anders, aber vielleicht konnte das mit Primus in Zukunft ja doch noch was werden.
Die ein Jahr später folgende Live-DVD unterstrich dies ebenso wie die Konzerte der Tour, die
Primus allesamt direkt nach den Konzerten online veröffentlichte. Tatsächlich habe ich ALLE Konzerte von 2003/04, die die Band seinerzeit über primuslive.com unter die Leute brachte, und ich hörte SEHR viel Primus in dieser Zeit (und holte dabei alle Alben nach, denen ich zuvor nur so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte).

Green Naugahyde
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Band tatsächlich wieder ein gemeinsames Studioalbum zustande brachte und dieses dann auch ohne Tim Alexander, denn an den Drums saß Jay Lane, der Schlagzeuger der Primus-Urbesetzung, was ja auch interessant sein konnte. Leider ist Green Naugahyde für mich eine absolute Enttäuschung gewesen - das war nicht mehr
Primus, denn wo war Larry LaLonde!?! Wirklich hörbar ist er nur in "Moron TV", "Extinction Burst" und vor allem bei "Jilly's On Smack", aber ansonsten klang das hier alles nach einem Soloalbum von Les Claypool. Vielleicht war es sogar sein bestes seit Purple Onion, das ich aber auch schon nicht so gut gefunden hatte wie seine Livealben mit der Frog Brigade. Blöd!

Primus and the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble
Auch dieses Album klang nur am Rande nach
Primus, aber immerhin war die Idee gut, und das waren ja auch keine Primus-Songs. Live habe ich sie damals leider verpasst, denn das muss echt super gewesen sein, aber ich konnte es zumindest auch ohne den Live-Eindruck verkraften, dass das hier unter dem Namen Primus veröffentlicht wurde.

The Desaturating Seven
Der erste Appetizer "The Seven" machte Hoffnung, denn das klang doch tatsächlich nach
Primus. Ich hörte nicht nur deutlich Tim Alexander, sondern eben vor allem den zuvor so schmerzlich vermissten Larry LaLonde, der für mich persönlich den eigentlich Primus-Sound bestimmt, weil sich sonst eben alles nach Les Claypool anhört, dessen Bass-Stil einfach zu eigenständig ist und der folglich nicht gut daran getan hat, diesen auch bei Primusimmer weiter nach vorne zu schieben. Leider war "The Seven" aber schon nach etwas mehr als drei Minuten wieder vorbei, aber immerhin. Beim zweiten Vorab-Song "The Scheme" wurde ich schnell wieder etwas skeptischer, was aber vielleicht auch damit zu tun hatte, dass er nicht mal die Drei-Minuten-Marke erreichte und ich mich in dieser kurzen Zeit einfach nicht final entscheiden konnte, ob mir dieses Primus-Häppchen ausreichte. Am Ende enttäuschte auch dieses Album komplett, denn nicht nur ist das Album mit knapp unter 35 Minuten insgesamt relativ kurz, sondern es wird noch kürzer, wenn man die ganzen lahmarschigen Intros und Outros, bei denen Claypool seine Effektpedals ausprobiert, abzieht.

Tja, und damit hätte ich die "Primäre Fehleinschätzung" vervollständigt. Wichtige Band, die ich immer wieder gerne höre und bei der ich, wenn ich sie mal wieder rauskrame, auch immer 1-2 Wochen hängenbleibe.

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24 Januar 2019

Der Musikus (Teil 1)

Am 24.01.2018 hatte ich in dem Beitrag "Der Musikus (Prolog)" angekündigt, dass ich meine ganz persönliche Musikmachgeschichte hier aufrollen möchte. Damals schloss ich mit der geradezu verzweifelten Aufforderung, mein Posting doch bitte zu kommentieren, denn erst bei einem Kommentar würde ich den nächsten Teil nachschieben. Da ich nicht wirklich mit einem Kommentar gerechnet hatte, kündigte ich an, dass ein weiterer Teil womöglich trotzdem irgendwann kommen würde, denn "Dem stream of consciousness muss es nämlich völlig egal sein, ob jemand das liest oder nicht". Um nicht ganz so verzweifelt rüberzukommen, soll der zweite Teil (eigentlich ist es der erste, denn das war ja schließlich nur der Prolog gewesen) nun also ziemlich genau ein Jahr später (und übrigens tatsächlich rein zufällig - wallah, ich schwöre!) folgen...

Nun denn, wann bin ich denn eigentlich bandmäßig aktiv geworden? 


So ganz genau kann ich das nicht mehr zurückverfolgen. Ich würde sagen, dass ich so ca. 1984/85 mit meinem Schulfreund F. (Gott hab' ihn selig - ist 2017 gestorben) eine damals schon virtuell zu nennende Band gegründet. Er spielte Bass, ich Gitarre; außerdem hätte ich vermutlich auch gesungen. Wir nannten uns in einem unfassbaren Anfall von Kreativität The Nameless und entwarfen vor allem Cover. Auf der Single (haha!) zu "Rainy days in New York" war King Kong zu sehen, wie er vom Empire State Building runterstrullte. 
Wir hatten noch einen anderen Gitarristen, der für die Soli zuständig sein sollte, weil ich dafür seit jeher immer zu doof und zu faul gewesen bin (hierzu habe ich hier auch schon mal was geschrieben). Den Namen habe ich vergessen bzw. durchforste ich immer noch mein Hirn danach. Der Schlagzeuger war Jan, ein Schüler aus der Stufe über uns (F. war im Jahr zuvor sitzengeblieben und vorher mit ihm in einer Klasse gewesen).

Geprobt haben wir nie, aber F. und ich haben zumindest ein paar Songideen und sogar eine Strophe (mit Text) zu besagtem "Rainy days in New York" gehabt.
Das war es dann auch schon mit The Nameless. Vermutlich haben wir die meiste Zeit eh damit verbracht, Basic-Spiele in F.s Zimmer zu programmieren, u.a. ein spektakuläres Fallschirmspringer-Spiel, bei dem man in den Häuserschluchten von (wahrscheinlich auch) New York landen musste.

Dann hatte ich irgendwann zu dieser Zeit aus irgendwelchen Gründen einen Auftriff in dem Park, der zu unserem Schulhof gehörte. Bei einem Projekt mit drei Synthesizer-Spielern musste ich bei
"Crockett's Theme" von Jan Hammer die Gitarre spielen. Weil ich -siehe oben- wie immer zu faul zum Üben gewesen bin, habe ich mich dabei auch, glaube ich, (mindestens) einmal ziemlich vergriffen, was mir der Kopf des Synthie-Trios sehr übel nahm.
 

Mit Henning, einem der Synthie-Spieler, der seinerzeit in unsere Klasse gekommen war, zog ich daraufhin (oder kurz vorher?) trotzdem die Band Los Caos auf. Mit dabei war noch ein Schlagzeuger, dessen Namen mir gerade entfallen ist (wenn ich nachdenke, komme ich aber bestimmt drauf; ich glaube, er hieß Philipp?). Sonst war, glaube ich, keiner dabei. So richtig oft haben wir auch nicht geprobt, aber irgendwo fliegen hier noch Texte von Los Caos rum. Ich erinnere mich noch an: "Final the glacier's broken / and the bridge is crossed...".

1986 startete dann Suicide At The Seaside, meine erste richtige Band, die es sogar im Laufe der Jahre zu einem gewissen lokalen Star-Ruhm bringen sollte. Musikalisch machten wir Rock. Gerne wären wir so gewesen wie die Bands, die wir seinerzeit hörten: Van Halen, Bon Jovi, Whitesnake und so was. Ich trat sogar wie mein großes Idol David Lee Roth in bunten Spandexhosen auf. Unser Keyboarder Volker hatte anstelle eine Keyboardständers ein Bügelbrett auf der Bühne stehen. Ja, so waren wir drauf!

Ich war der Sänger, zur Gitarre griff ich nur ab und zu mal. Mit unserem Gitarristen Jan, der sehr viel mehr übte als ich, konnte ich eh nicht konkurrieren, aber dankbar muss ich ihm wohl schon ein bisschen sein, denn er hat mir durchaus das eine oder andere gezeigt bzw. habe ich es mir von ihm abgeguckt. 

Am Schlagzeug saß Jens, der im Rückblick eigentlich nicht wirklich Schlagzeug spielen konnte und zudem mindestens vier Jahre älter als der Rest war. Den Bass spielte Frank, der mit Volker und mir in einer Klasse war; Jan war eine Stufe unter uns.

Man mag es kaum glauben, aber wir hatten sogar ein paar Fans, und ich musste auch mal Autogramme auf T-Shirts und Dekolletees geben.

Während ich mich musikalisch aber mit der Zeit in andere Sphären weiterentwickelte und nicht mehr nur diese Gitarrenrock-Schiene weiterfahren wollte, verlor ich nach hinten raus ein bisschen die Lust und spulte mein Pensum im Rückblick nur noch quasi professionell ab. Meine Versuche, etwas mehr Witz in Form von bescheuerten Texten (die vorher waren nämlich nicht nur im Rückblick grauenvoll!) reinzubringen, scheiterte an Jan. Ich erinnere mich da an ein Lied, in dem ich unheimlich witzig über Defloration singen wollte, was er (immerhin ein Jahr jünger als ich) völlig erwachsen abschmetterte. Ich entschärfte daraufhin den Text deutlich, gab dem Stück aber trotzdem den völlig witzigen (hahaha!) Titel "Hail to the Japanese Flag" (kennste? weißte? verstehste?).


Naja, intern gab es irgendwann Querelen, weil unser Keyboarder, nachdem er sitzengeblieben war, in einen anderen Freundeskreis geriet und sich etwas von uns anderen entfremdete, was schließlich zu seinem Rauswurf führte. Dadurch musste ich auf einmal viel mehr Gitarre spielen und einige seiner Keyboard-Passagen auf der Gitarre übernehmen. Ich glaube, wir haben aber nur noch ein Konzert ohne ihn gespielt und uns dann aufgelöst. Das muss so 1991 oder 1992 gewesen sein.

Chaim Bembl, die Band danach, bestand personell aus nahezu denselben Leuten (Jens und Frank), nur der Gitarrist war ein anderer - Björn, der mit Jens in einer Stufe gewesen war und damit auch vier Jahre älter als Frank und ich. Musikalisch war das aber eine ganz andere Baustelle, denn mit dem schnöden Gitarrenrock von vorher hatte das nur am Rande zu tun; es war eher ein Befreiungsschlag von dem seichten Zeug zuvor, so Psychopunkhardcoreirgendwas. 


Ich war immer noch der Sänger, aber ich spielte jetzt deutlich mehr Gitarre und das dann manchmal auch etwas weniger rockig, sondern eher effektbeladen kaputt. Auch konnte ich endlich ohne Widerrede die geschmacklosen Texte machen, die mir seinerzeit durch meinen immer noch arg unreifen Kopf schwirrten, und ich wollte alles auch deutlich wirrer machen. Wirr wurde es dann auch, mitunter sehr.  Leider waren wir aber zu schlecht, dass wir auch gut wirr sein konnten.

Etwa zeitgleich bzw. möglicherweise ein bisschen vorher fing ich dann mit Solosachen an, die ebenfalls sehr wirr waren. Ich hatte mir einen 4-Spur-Recorder gekauft und war plötzlich Dus Diva and his divine dingleberries, denn Dus Diva war auch mein "Künstlername" bei Chaim Bembl. Wir hatten da alle Künstlernamen, und der Witz bei unserem Bassisten war, dass er immer einen anderen Namen hatte; so hieß er mal Sam Francisco und dann z.B. wegen seiner roten Haare Red At Hair usw. Dus Diva hat seinen Ursprung in der  Tatsache, dass ich eine ganz schöne Diva sein konnte. DIE Diva ging natürlich nicht, weil ich ja schließlich keine Frau bin; DER Diva war auch irgendwie bescheuert; DAS Diva war eigentlich gut, aber zu wenig subtil - also DUS Diva. :D

[Im Herbst 2018 habe ich übrigens tatsächlich einige Sachen von Dus Diva auf den Rechner gezogen und neu abgemischt. Zuvor hatte ich meinen 8-Spur-Recorder repariert. Hat sehr viel Spaß gemacht und ist hier zu hören; ein paar Sachen werde ich sicherlich noch remixen, aber alles muss definitiv nicht sein. Die ganz alten Sachen kann ich z.B. gar nicht mehr remixen, weil die ja noch auf vier Spuren aufgenommen worden waren und ich weder einen 4-Spur-Recorder noch die Original-Tapes habe (wobei mich letzteres fast wundern würde, denn eigentlich schmeiße ich nie was weg).] 

Ich "gründete" seinerzeit nicht nur Dus Diva and his divine dingleberries, sondern nahm zudem noch andere Bands auf, z.B. Brachialdünst, eine Grindcore-Band mit dem noch blutjungen Christof Kather (Japanische Kampfhörspiele) am Schlagzeug, mit dem ich zunehmend mehr Zeit verbrachte, was schnell deutliche Spuren hinterließ und bis heute hinterlassen hat. 

[Eine der Aufnahmen, die etwas später entstanden, als ich auf 8 Spuren upgegradet hatte, muss ich auch noch mal remixen. Dabei handelt es sich um das Tape von Painted Shell, der Band meines heutigen DER_WARRIOR-Gitarrenkollegen Luko. Als ich die ganzen alten 8-Spur-Tapes durchhörte, war ich immer noch baff, wie geil das Tape klingt!]

Das Ende von Chaim Bembl war für mich etwas unrühmlich. Ich hatte mich in eine fatale Beziehung gestürzt, meine Freundin fand die anderen Bandmitglieder doof, weswegen ich diese dann natürlich auch doof finden musste. Wegen einer Kleinigkeit habe ich mich dann damals kolossal aufgeregt und bin mit lautem Getöse ausgestiegen. Auf das Cover meines nächsten Solotapes packte ich sogar ein unvorteilhaftes Nacktbild von Frank, mit dem ich jahrelang wirklich sehr gut befreundet gewesen war und den ich so ziemlich übel abservierte. Dumme Sache, aber ich habe sie irgendwann so gut geklärt, wie es dann noch ging.

Egal.

Fun fact: Chaim Bembl brachten erstaunlicherweise (schließlich hatte ich mich für das Mastermind der Band gehalten) danach noch ein Tape ohne mich raus. Es hieß "10 kleine Negerlein", und auf dem Cover waren vier Schokoküsse abgebildet, von dem einer plattgehauen war. Fand/finde ich durchaus lustig.


[Die 8-Spur-Tapes von Chaim Bembl existieren auch noch, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die jemals neu abmischen werde. God forbid! ;)]

Ich suchte mir im Anschluss in Köln was Neues, kam dabei aber nicht so richtig in die Hufe, was wohl auch damit zu tun hatte, dass ich mir als Gitarristen einfach nix zutraute und Sänger irgendwie nicht mehr sein wollte. "Parallel" machte ich also nur noch solo weiter.

Irgendwann fand mich dann doch eine Band - Down hieß sie (von den anderen Down aus New Orleans hatte man bis dato noch nix gehört). Ich hatte den Schlagzeuger an der Uni kennengelernt, und er meinte, ich solle mal bei der Probe vorbeikommen. Ich glaube, er fand seinen Gitarristen scheiße und erhoffte sich von meinem Einstieg, dass ich da ein bisschen mehr Pep reinbringe. Habe ich, glaube ich, sogar gemacht. Aber lange bin ich nicht dabei geblieben, denn ich bekam das einfach zu verlockende Angebot, bei Cyclo Proganigma einzusteigen.

Das war Christofs letzte Band vor Japanische Kampfhörspiele, und als Bassist war Marco Bachmann dabei, der ja später ebenfalls zu JaKa stoßen sollte. Mit dem Gitarristen Carsten Benninghoff (mittlerweile mit der produktionstechnischen Seite von JaKa betraut ist) hatte mich seit jeher eine Hassliebe verbunden, aber er traute mir offenbar zu, das aus seiner Sicht sinkende Cyclo-Schiff zu retten. Ich fing dort als Keyboarder an, und singen durfte ich auch ein bisschen, außerdem fuhr ich Samples ab.
Leider hatte Carsten sein Rechnung ohne Christof und mich gemacht, denn wir waren von Beginn an ein bisschen wie die toxic twins damit beschäftigt, fortwährend Scheiße zu bauen, so dass er bald entnervt aufgab.

Es kam ein neuer Gitarrist, der auf der Heckscheibe seines tiefergelegten Polos einen fetten Metallica-Aufkleber kleben hatte, was wohl der Grund gewesen ist, warum ich ihm nie eine Chance gab und mich zudem weigerte, mir seinen Namen zu merken (Asperg? Asbach?). Inmitten der Aufnahmen zu einem Tape hatten wir ein Konzert, bei dem Christof und ich uns der Presse gegenüber abfällig gegenüber unseren anderen Bandmitgliedern äußerten (so nach dem Motto "Demnächst spielen wir nur noch mit ernstzunehmenden Musikern..."). Bei dem Konzert selbst stellte ich den Gitarristen in einem spontan improvisierten Reggaeteil vor versammelter Mannschaft bloß. War es da nach Erscheinen des Konzertberichts in der örtlichen Tageszeitung ein Wunder, dass er ausstieg und das Tape daher unvollendet blieb? Schade eigentlich, wäre nämlich ganz cool geworden. Den einzigen fertiggestellten Song "When Rio dies" mische ich eines Tages bestimmt mal neu ab...

Das war es dann für lange Zeit mit meiner Bandkarriere. Ich
machte mich 1995 für eine Weile nach Wales auf, wo ich das letzte Dus Diva-Tape (bzw. große Teile davon) aufnahm. Danach war erst mal finito mit Bands, was wirklich im Rückblick unmittelbar damit zu tun hatte, dass ich mich als Bandgitarrist einfach für nicht vermittelbar hielt. Bei meinen eigenen Aufnahmen konnte ich immer gut tricksen und Sachen, die ein normaler Gitarrist an einem Stück aufgenommen hätte, in mehreren Durchgängen einspielen und zusammenstückeln; aber so richtig mit/in einer Band? Never!

Bzw. laaaaange nicht und dann auch nur mehr oder minder zufällig und erst gar nicht mal soooo ernst gemeint...

13 Januar 2019

Operation Tascam

Bei der popNRW-Gala 2017 waren Japanische Kampfhörspiele in der Kategorie "Outstanding artists" nominiert. Über diese Veranstaltung und vor allem den Eindruck, den die "Popmusikförderung NRW" an diesem Abend gemacht hat, ließe sich vortrefflich bloggen, allerdings möchte ich über etwas anderes reden, was an diesem Abend seinen Anfang genommen hat. 
Junge von EA 80 (die in derselben Kategorie nominiert gewesen sind) berichtete mir seinerzeit nämlich von einem geplanten EA80-Coveralbum. Ich hatte der Band ja 1996 meine Coverversion von "Der Ableser" geschickt, und Junge meinte, dass ich doch mal nachhören könnte, ob der Song nicht auch ein Kandidat für diese Compilation sein könnte.

Ich kramte daraufhin mein Tascam Portstudio 488 Mk II wieder hervor (das ich in all den Jahren ein einziges Mal benutzt hatte, da ich die Gitarrenspur von einem Dus Diva-Song für daghoti. wiederverwenden wollte) und zog die Spuren auf meinen Rechner, um sie dort neu abzumischen (was den Vorteil hatte, dass ich hier und da sogar noch kleine Fehler ausmerzen konnte). Bei dieser Aktion hörte ich auch andere Tapes durch und erfreute mich an z.T. komplett vergessenen Sachen, aber natürlich auch an vielem Kram, an den ich mich noch gut erinnern konnte. Da das Remix-Ergebnis soundlich durchaus einen Quantensprung darstellte, entschloss ich mich, in Zukunft noch einiges mehr zu remixen. 


Grundsätzlich ist die dafür notwendige Vorarbeit sehr zeitaufreibend, da man die Spuren ja alle zunächst mal aufnehmen muss (bei einem 5-minütigen Song dauert es also alleine 4x5 Minuten, bis man erst einmal die Spuren auf dem Rechner hat; im Anschluss muss man dann noch viel angleichen, weil so ein Tonband ganz offensichtlich nicht immer wirklich exakt läuft und man die Spuren daher nicht immer einfach nur übereinanderlegen kann). 

Irgendwann wollte ich damit mal beginnen und stellte dabei fest, dass sich auf meinem Tascam leider gar nichts mehr tat, da das Band sich nicht Bewegung setzte. Bereits bei "Der Ableser" waren manchmal merkwürdige Dinge passiert; jetzt hatte das Laufwerk offenbar das Zeitliche gesegnet.

Nächstes Projekt also: bei eBay bzw. eBay-Kleinanzeigen ein funktionierendes Gerät finden. In der Tat fand ich auch ein paar, wobei der Text dort sinngemäß immer war, dass alles tadellos funktionieren würde, nur das Laufwerk sei kaputt. Na super, dass Ihr trotzdem noch 300€ und mehr dafür haben wollt - WTF!?!
Gottseidank gibt es aber ja das allmächtige Internet, in dem ich herausfand, dass bei diesen Geräten offenbar ein extrem mangelhaftes Zahnrad verbaut worden war, das sich im Laufe der Jahre schlichtweg auflöste. Und tatsächlich teilte mir das Internet ferner mit, dass es auf diesem Erdenrund noch exakt zwei Menschen gibt, die genau dieses Zahnrad noch herstellen (die Firma TEAC hatte mir zuvor versichert, dass sie just dies schon lange nicht mehr täten und auch keine mehr vorrätig hätten).
Bei eBay fand ich schließlich doch noch ein funktionierendes Gerät (allerdings nicht meine Mk II-Version, sondern nur das erste Modell), aber zeitgleich kümmerte ich mich auch um ein neues Zahnrad, denn bei YouTube hatte ich ein Video entdeckt, in dem jemand genau dieses Zahnrad bei genau diesem Gerät austauscht. Besonders hilfreich bei diesem Video war es übrigens, dass ich sehen konnte, dass man das Gerät nicht mit spitzen Fingern anfassen muss, sondern durchaus rustikal vorgehen kann - das hätte ich mich nie getraut aus  lauter Angst, etwas kaputtzumachen!


Nun denn, ich öffnete mein Gerät und stellte fest, dass in der Tat am ebendiesem Zahnrad vier oder fünf Zinken fehlten. Daraufhin bestellte ich also eines dieser Zahnräder, und selbstverständlich trat der worst case an, denn ich musste dieses Zahnrad auch noch beim Zoll in Köln-Wahn abholen, so dass ich insgesamt (Fahrzeit und Benzinverbrauch gar nicht miteingerechnet) rund 50€ dafür bezahlt habe. Außerdem lachte die Zollbeamtin
mich fast aus, als ich ihr das lächerlich kleine Zahnrad zeigte.
 
Egal - ich muss mir immer noch auf die Schultern klopfen, denn tatsächlich schaffte ich es, mein Mk II wieder ans Laufen zu bringen!!!




In den Herbstferien 2018 machte ich mich dann generalsstabsmäßig eine Woche lang daran, die Spuren von ein paar
Dus Diva-Songs auf den Rechner zu ziehen und diese neu abzumischen. Zu hören sind die Ergebnisse unter http://dusdiva.bandcamp.com/(wie schon bei den Aufnahmen damals geschah auch das Remixen selbst allerdings eher schnell, denn ich bin einfach immer noch kein Perfektionist geworden und gebe mich weitaus schneller mit meinen Ergebnissen zufrieden, als vielleicht manchmal nötig wäre). 
Weitere Remixes (nicht nur von Dus Diva, sondern auch von ein paar anderen alten Verbrechen) sind geplant - stay tuned (or not)!

Der Vollständigkeit halber hier noch für Interessierte bzw. Betroffene die wichtigsten Infos zu dem Zahnrad (die offizielle Bezeichnung lautet übrigens #9278377600):

Zu bestellen wäre es bei skywavebe@sbcglobal.net
Die Reparatur gibt es unter https://www.youtube.com/watch?v=ur7b21ZJpqU zu sehen (in Teil 1 tauscht er übrigens den Antriebsriemen aus, was ja vielleicht ebenfalls für den einen oder anderen interessant sein könnte; diesen Riemen bekommt man übrigens ungleich unkomplizierter/preiswerter bei eBay, aber das nur nebenbei).
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Standort: Ehrenfeld, Germany

Why don't we do it in the road?