19 Februar 2017

Danzig Pt. III

Wie ich zuletzt schon schrob, sind dass die ersten vier Danzig-Alben allesamt "in sich stimmig und einzigartig". Das möchte ich jetzt mal ein bisschen aufdröseln...

s/t
Dieses Album ist trocken, denn Reverb wurde hier nur unglaublich dezent eingesetzt und wohl auch nur dazu verwendet, um letztendlich alle Spuren miteinander zu verbinden, zu hören ist der Hall nämlich so gut wie gar nicht.
Das Schlagzeug drückt wie Hulle und klingt einfach nur direkt - die Bassdrum ist perfekt, die eigentlich irgendwie muffig klingende Snare dürfte nicht anders sein, und auch sonst klingt hier alles so, wie ein Schlagzeug bei dieser Musik eben klingen muss.
Und obwohl der Gitarrensound und eigentlich das ganze Album eine eindeutige und fast schon freche AC/DC-Reverenz darstellen, hat John Christ hier seinen Signature-Sound für
Danzig in Vinyl gemeißelt.

In einer Rezension stand damals, dass das Album wie der perfekte Soundtrack zum Selbstmord klingen würde. Ja, bei Erscheinen erschien es mir gerade 18-jährigem auch wunderbar morbide, aber eigentlich war dieses Siegel schon damals ganz schön bescheuert, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich aus der Gruftie-Szene schon wesentlich lebensverneinendere Sachen gehört.
Danzig's Debüt war eher Faustreck-Musik, die sofort ins Blut ging. Aber nicht so Faustreck-Musik, bei der man die Mundwinkel hochzog, sondern Faustreck-Musik, bei der man böse und gewaltbereit aussehen wollte.
Ich schreibe absichtlich "wollte", denn als der heutige Japanische Kampfhörspiele-Drummer Christof und ich seinerzeit in der Kyffhäuser Straße in Köln (komme leider nicht mehr auf den Namen der Kneipe - heute ist da, glaube ich, Manni's Rästorang drin) zu "Not of this world" Luftschlagzeug spielten, sorgten wir bei dem um uns herum eher für Erheiterung und gute Laune, die sogar nicht mal dann endete, als er der Bedienung bei einem spektakulären Fill-in ein volles Kölsch-Tablett aus der Hand schlug.

Letztens habe ich die Platte bei uns im Wohnzimmer gehört, mich dabei laut johlend (geht gut bei Glenn!) auf dem Boden rumgewälzt und mir ein Loch in den Bauch gefreut, wie geil diese Platte doch ist.
Meine Frau sagt, wenn sie ein Lied mit mir verbinden müsste, dann wäre das eindeutig "Mother" (fun fact: diesen Song habe ich seinerzeit nicht mal auf meine Best of
Danzig gepackt). Damit kann ich gut leben.

Ganz wichtiges Album!



II: Lucifuge
Ich will ganz ehrlich sein: schon den Opener "Long way back from hell" fand ich sofort super, und auch sonst hatte ich an den Songs eigentlich wenig auszusetzen, aber mit dem Sound konnte ich mich sehr lange nicht so richtig anfreunden. Irgendwie klang mir das alles zu warm und weich, so als hätte man ein Kissen über die Gitarrenlautsprecher gelegt; außerdem war da doch auf einmal viel zu viel Hall auf den Drums!!!
Jahrelang musste Lucifuge somit zumindest ein bisschen stiefmütterlich von mir behandelt werden, denn erst viel später - eigentlich erst nach Erscheinen von 4p, mit dem sich diese Besetzung verabschiedete - begriff ich, dass das Album nicht nur genau so klingen sollte, sondern  auch musste, denn nur auf diese Weise konnte es wie alle anderen vier True
Danzig-Alben auch einfach unverwechselbar für sich stehen.

An den Songs lag es - wie gesagt - nicht, denn selbst der Schmachtfetzen "Blood and Tears" war ja total geil (wobei es sicherlich geholfen hat, dass ich väterlicherseits in meiner Kindheit bereits durch die Roy Orbison-Schule gegangen war). Der Blueser "I'm the One" war irgendwie witzig, aber im Grunde hat der gute Glenn hiermit einfach vor allem überdeutlich gemacht, dass es auf diesem Album nicht mehr darum ging, AC/DC zu "kopieren", sondern dass er hier den immer schon so geliebten Blues einfach mal ganz nach oben setzen wollte.

Von den vier legendären ersten
Danzig-Alben war "II: Lucifuge" lange Zeit das, was mir am wenigsten lieb gewesen ist, ohne dass ich je auf die Idee gekommen wäre, es auch nur ansatzweise scheiße zu finden. 
Aber ich bin halt so ein Sound-Nazi (was z.B. auch dazu führte, dass ich nach "Wolverine Blues" von Entombed das eigentlich total geile und vielleicht sogar bessere "To Ride, Shoot Straight and Speak the Truth" nicht so oft gehört habe, wie es das Album verdient hätte, denn es klingt vom Sound einfach zu schrill für mich) und daher lange nicht darauf klargekommen, dass das hier nicht mehr so wie das Debüt klang. Fakt ist aber, dass diese Songs dann auch null funktioniert hätten. Mittlerweile weiß ich das, und so habe ich meinen Frieden mit dem Sound irgendwann doch noch gemacht.

Genau das richtige Album nach dem Debüt.



III: How the Gods Kill
Genau - Sound! Rick Rubin war hier nur noch "Executive Producer", denn Glenn wollte das alles mal selbst in die Hand nehmen. Herausgekommen ist dabei soundlich irgendwie teilweise eine Mischung aus den ersten beiden Alben: der tendenziell etwas zu dick aufgetragene Hall von "II" und die Klarheit vom Debüt. Der Sound ist merkwürdig hell und wirkt dadurch lauter als die beiden Alben davor. Das wirkte auf mich irgendwie so, als hätte sich jemand darum gekümmert, der es nicht wirklich kann, aber gerne können würde. Doof fand ich das allerdings nicht, eigentlich ganz im Gegenteil, denn es hat ja durchaus Charme. Einige der Songs knallten so ganz gewaltig, das war manchmal fast schon Biker-Rock!
Mehrere Riffs für die Ewigkeit sind hier auch dabei, und weil die Kissen von den Gitarrenlautsprechern entfernt worden waren, sägte John Christ für meine Ohren auch wieder viel besser als auf "Lucifuge".

Trotzdem hatte ich (siehe Eloge auf Danzig und Danzig Pt. II) aus mir heute unerfindlichen Gründen erst einmal den Eindruck, dass hier ein paar Lückenfüller dabei waren. "Sistinas" war mir z.B. ein bisschen too much, und "Money" nervte geradezu.
Aber hey - der Titeltrack konnte dafür ja mal alles! Dann "Do you wear the mark" und "Dirty Black Summer"

Und dieser unglaubliche Opener - besser als "Godless" geht's doch eigentlich gar nicht! Das durfte ich auch beim Konzert erfahren, auf dem es mit just diesem Song losging (nachdem die von mir ebenfalls sehr geschätzten White Zombie zuvor im Stroboskop-Gewitter das E-Werk fast abgerissen hatten). Wie Chuck Biscuits da auf seinem Podest oben über der Bühne thronte und mit seinen mindestens daumendicken Drumsticks halbstehend und nach dem schnellen Anfang immer so herrlich unrhythmisch auf die Toms ballerte - großartig!

Das rasanteste Album der True
Danzig-Phase.


IV: 4p 
[Bei Wikipedia steht als Titel "4", aber immer wieder findet man "4p". Da ich das cooler finde, bleibe ich also bei dieser Bezeichnung.]
Im Grunde war hier ziemlich schnell hörbar, dass mit diesem Album etwas zuendegehen würde. Woran das genau lag/liegt, kann ich gar nicht so genau sagen, aber nach den ersten drei Alben musste man sich halt vielleicht schon fragen, was denn da noch noch kommen sollte.  

"4p" war von Beginn an ein bisschen anders, aber klang dennoch nicht so, als wäre das die neue Richtung; eher so wie
eine Art Ende. 
Der experimentelle und etwas technischere Eindruck, der sich durch das Album zieht, konnte auf jeden Fall gefühlt unmöglich auf dem Mist der ganzen Band gewachsen sein; es klang alles eher so, als würde Glenn Danzig sich hier endgültig selbtsverwirklichen wollen (was auf dem nachfolgenden Album "Blackacidevil", das sich hier an manchen Stellen durchaus schon andeutete, ja nach landläufiger Meinung etwas in die Hose gehen sollte).
Nichtsdestotrotz ist die originale
Danzig-Besetzung hier noch eindeutig zu vernehmen, und von Biscuits habe ich sogar mal gelesen, dass er mit dem Schlagzeugsound auf "4p" am zufriedensten gewesen sei. Das halte ich persönlich zwar für Quatsch, aber ich kann mir denken, was er meint, denn tatsächlich passt dieser viel räumlichere Sound einfach sehr gut zu den Songs.

Und ja, die Songs! Hits sind ja eigentlich so gut wie alle
Danzig-Songs, aber die auf "4p" haben definitiv den größten Pop-Appeal. Sie klingen reifer und irgendwie weniger ungestüm, gerade nach III: How the Gods Kill fiel das sehr auf. Es gibt öfter mal cleane Gitarrensounds und dann die ungewöhnlichen, fast schon jazzig klingenden Akkorde bei "Son of the Morning Star"; für "Cantspeak" drehte man einfach "Let It Be Captured" um und hatte so einen komplett neuen Song, was ziemlich ausgefuchst gedeichselt wurde und atmosphärisch eine sehr interessante Wirkung erzielt
Natürlich sind "Sadistikal" und das auf CD als Track 66 (huhu!) indizierte "Invocation" der letzte Scheiß, aber es gab dennoch nicht wenige Tage, an denen ich "4p" tatsächlich sogar für das beste Album der Quadrologie hielt.
Auf jeden Fall ist es als Abrundung der True Danzig-Phase einfach perfekt geraten. Wie schon gesagt - danach konnte für diese Besetzung nix mehr kommen, das musste einfach das Ende sein.

Der perfekte Schwanengesang der Originalbesetzung.


Q.E.D.
Jedes der vier Alben hat einfach seine ganz eigene und unverwechselbare Atmosphäre - kein Song könnte auf einem irgendeinem der anderen Alben drauf sein, sie gehören allesamt einzig zu dem Album, auf dem sie drauf sind!
Wie ich schon bei "II: Lucifuge" sagte, ist Sound für mich sehr wichtig, und da zu dem jeweiligen Song auch der jeweilige Sound gehört, ist es schon aus diesem Grund unmöglich für mich, mir vorzustellen, dass ein Song im entsprechend anderen Sound auf einem der anderen Alben drauf sein könnte.
Doch auch kompositorisch sind die Alben gefühlt jeweils anders gestrickt. Obwohl sie alle unverwechselbar
Danzig sind, haben die Songs allesamt einen eigenen Drive, der irgendwie nur zum jeweiligen Album passt.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum es der recht alte Song "When death had no name" (der
schon ganz frühen Bootlegs aus der Zeit noch vor dem Debüt drauf ist), auf keins der Alben geschafft hat - diesen Song, der tatsächlich einer meiner liebsten von Danzig ist, könnte ich nämlich auch keinem der vier Alben zuordnen. Dass er letztendlich auf der B-Seite von "Dirty Black Summer" offiziell erschien, geht für mich klar, denn am ehesten würde er wohl noch zu III: How the Gods kill passen; aber trotzdem okay, genau richtig und sehr gut, dass sie ihn nicht auf dieses (oder irgendein anderes) Album gepackt haben.

Warum die Musik von
Danzig bei mir derart viel auslöst, kann ich eigentlich auch gar nicht so genau sagen. Ich höre ja meist eher wesentlich "aufwendigeres" Zeug, das lt. einigen Leuten so klingt, als würde ich mehrere Songs gleichzeitig hören (diese Aussage ist übrigens schon etwas älter; damals war von "mehrere MySpace-Seiten gleichzeitig" die Rede). Danzig-Mucke hingegen ist ja eher geradeaus und relativ simpel gestrickt. Dennoch (?) möchte ich jedes Mal aufs Neue niederknien, weil sie einfach geradezu in mich hineinfährt! Das z.B. am sehr eigenwilligen Gesang festzumachen, vermag ich nicht, denn es ist schlichtweg das Gesamtpaket, das mich so begeistert. Vielleicht ist es sogar die Musik, die mich emotional am meisten mitreißt!?!

Wer das nicht versteht, dem kann man es wohl auch nicht erklären (ich verstehe es ja nicht mal selbst). Und wer vor allem Glenn Danzigs Gesang bescheuert oder gar lächerlich findet (was ja "objektiv" gesehen vielleicht gar nicht mal so verkehrt ist), der wird auch nicht einsehen können, dass ich natürlich auch besonders seinen Gesang total geil finde. Als Typ mag er eine Wurst sein, und im Prinzip ist das ganze Image eigentlich echt albern. Aber ich finde es geil! Ja, ich finde
Danzig geil!
Wobei ich dies noch einmal ausdrücklich auf die ersten vier Alben beschränken möchte. Die Alben danach muss ich aber beizeiten trotzdem mal alle hören. Im Hinterkopf habe ich nämlich, dass ich z.B. damals beim fünften Album zwar ausgestiegen bin, weil das einfach nix mehr mit "meinen"
Danzig zu tun hatte (schließlich war ja außer Glenn kein anderer mehr dabei), aber so abgrundtief schlecht hatte ich es nun auch wieder nicht gefunden. 
Dann empfiehlt mir Christof seit Jahren, ich müsste mir irgendeins der späteren Alben unbedingt mal anhören, da es "auf jeden Fall das beste" sei (ich glaube, er meint Circle of Snakes)
Und in einem Danzig-Forum bei Facebook ist mir auch schon öfter untergekommen, dass es definitiv auch nach dem vierten Album gut weitergegangen ist und man die Alben nach der Ur-Besetzung auf keinen Fall verschmähen sollte.
Von mir aus, dann mache ich das halt irgendwann mal. 


Die vier ersten Alben werden auf jeden Fall nie aus meinem Leben verschwinden. Und meine Frau kommt ja wohl auch nicht ohne Grund auf die Idee, gerade einen Danzig-Song ganz eng mit mir zu verbinden...

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