15 November 2014

Primäre Fehleinschätzung

Unlängst ist ein neues Primus-Album rausgekommen. Vor der letzten Platte Green Naugahyde hatte ich mich extrem auf die Rückkehr dieser Band gefreut (wenn auch nicht mit dem klassischen Original-Drummer Tim Alexander, sondern "nur" mit dem eigentlichen Original-Drummer Jay Lane), mich dann aber extrem geärgert hatte, weil die Musik meiner Meinung nach schlicht und einfach nur noch sehr wenig mit Primus zu tun hatte, sondern es eher wie ein Les Claypool-Album klang. Nichts gegen Les Claypool, aber wenn Primus draufsteht, dann soll doch wohl auch Primus drin sein!?! Das für teures Geld vorbestellte Vinyl habe ich auf jeden Fall schnell und sogar noch ungeöffnet wieder verkauft.
Das neue Album konnte vorab damit punkten, dass hier die klassische Besetzung wieder vereint war, aber dennoch befürchtete ich, dass Les Claypool weiterhin sein Ding durchziehen würde. Damit hatte ich auch definitiv Recht, aber seltsamerweise finde ich es nicht so schlimm wie beim letzten Mal, weil auf Primus & the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble nämlich keine Primus-Songs zu hören sind; es handelt sich hierbei vielmehr um "a twisted re-imagining" des Soundtracks zu Willy Wonka & the Chocolate Factory mit Gene Wilder (nicht zu verwechseln mit dem Tim Burton-Film, bei dem Johnny Depp als Willy Wonka zu sehen ist - dieser Film verursachte bei Claypool nämlich den Geschmack von Scheiße im Mund). Ich finde, dass man in so einem Fall verschmerzen kann, wenn es sich nicht so richtig nach Primus anhört. Außerdem ist es für mich - im Gegensatz zu Green Naugahyde - eins der besseren Claypool-Alben der letzten Jahre, wobei ich da gerade ein weiteres Mal etwas lerne.

 
Blenden wir aber einmal ein paar Jahre zurück...

Das Album Frizzle Fry war 1990 eine Erscheinung für mich - einfach nur wow! Den Nachfolger Sailing The Seas Of Cheese fand ich dann nur noch partiell so großartig. Trotzdem kaufte ich mir die Alben danach jedes Mal sofort bei Erscheinen, immer von der Hoffnung beseelt, dass sich das Frizzle Fry-Gefühl noch einmal wiederholt. Das Gehörte fand ich nie wirklich schlecht, aber viele Durchläufe gönnte ich den Scheiben nicht. Erst Antipop fand ich wirklich doof, die Alben davor rauschten im besten Fall an mir vorbei. 

Ich habe ja schon einmal hier davon berichtet, dass ich im Jahre 2005 an einem akuten Musik-Overflow litt und daher ein paar Monate lang auf neue Sachen verzichtete und erst einmal nur das anhörte, was bei mir so im Regal stand; und da vor allem Platten, die ich - aus welchen Gründen auch immer - bis dahon verschmäht hatte. In diesem Zusammenhang kam es dann dazu, dass sich meine "Von Primus braucht man nur die Frizzle Fry!"-Leier schnell in Luft auflöste, was mir bis heute immer noch sehr peinlich ist.
Eigentlich fast noch peinlicher ist allerdings in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass ich 1992, als ich Primus im Luxor in Köln live sah, kaum ein Auge auf den Gitarristen Larry LaLonde warf und davon überzeugt gewesen bin, dass man sein Fehlen eigentlich gar nicht bemerken würde. Was für ein Schwachsinn das ist, lässt sich wohl final daran ablesen, dass ich bei Green Naugahyde vor allem deshalb so sauer war, weil er dort kaum noch stattfand (was übrigens auch für Primus & the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble gilt)! Meine späte Erkenntnis, dass eigentlich alle Primus-Platten (bis auf Antipop) ziemlich gut sind, hatte nämlich immer sehr viel mit Larry LaLonde zu tun, der einfach ein herausragender Gitarristen ist. Und um Primus vom Claypool-Sound abzugrenzen, ist er auf jeden Fall wichtiger als die Frage, ob Tim Alexander, Brain Mantia oder Jay Lane am Schlagzeug sitzen!


Naja, gerade kristallisiert sich auf jeden Fall die zweite Fehleinschätzung in diesem Zusammenhang heraus. Bei meinem Wiedereinstieg nach der selbstgewählten Neue-Musik-Pause damals beschäftigte ich mich über meine neu dentdeckte Primus-Gesamtwerk-Verehrung kommend dann sehr viel mit Les Claypool, was dann sogar eine Platte für die Insel (nämlich Live Frogs) zur Folge hatte. Irgendwann gab es angesichts der Musikmassen, die ich im Netz von ihm ausbuddelte, aber einen Claypool-Overflow, der dazu führte, dass ich seine jeweils neuesten Projekte irgendwann nicht mehr hören konnte. Wie schon damals bei Primus kaufte ich sie dennoch alle immer wieder, aber wie eben auch schon damals bei Primus hörte ich sie eigentlich  nie. Bescheuert, oder?

Nach Erscheinen von Primus & the Chocolate Factory with the Fungi Ensemble hatte ich auf jeden Fall wieder sehr viel Bock auf Primus (was zudem noch durch ihre Biographie "Over the Electric Grapevine" befeuert wurde), aber wegen der eindeutigen Nähe zum Claypool-Sound (kein Wunder eigentlich, denn mit Matt Dillon und Sam Bass sind zwei Leute dabei, mit denen er auch bei seinen Projekten immer wieder zusammengespielt hat) eben auch auf Les Claypool, was natürlich zunächst dazu führte, dass ich die Sachen rauskramte, die ich seit jeher super fand. Mittlerweile bin ich bei den Alben angelangt, die ich damals verschmäht habe. 
Tja, ich brauche vermutlich nicht zu schreiben, dass ich gerade das ganz blöde Gefühl habe, auch hier falsch gelegen zu haben...

to be continued?

n.p.: Primus - Tales From the Punchbowl (ich glaube wirklich, dass ich dieses Album 1996 direkt nach dem Kauf nur ein einziges Mal gehört habe - wie schön, dass man viele Dinge später noch nachholen kann)

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