25 April 2014

Das am meisten unterbewertete Album aller Zeiten!

[Als ich sah, dass der 100. Post ansteht, war ich der Meinung, dass dieser ein ganz besonderer werden muss. Das Ergebnis ist ein äußerst wortreicher stream of consiousness-Eintrag über ein Thema, das mal wieder vor allem mich interessiert, aber das muss auch mal sein...]

OK, jegliche Beiträge, die unter dem Banner "-ste XY aller Zeiten" erscheinen, kann man eigentlich gleich wieder vergessen, und ich selbst lese so etwas nur dann, wenn gerade keine anderen Buchstaben in der Nähe sind. Dies hält mich jedoch nicht davon ab, das hier vorzustellende Album (lobend erwähnt wurde es hier in der Vergangenheit übrigens schon öfter mal) als genau das zu benennen, was es ist: das am meisten unterbewertete Album aller Zeiten nämlich! Nicht mal die allwissende Müllhalde Internet hat sonderlich viel davon mitbekommen, wie ein Blick auf die erschreckend geringe Trefferquote bei der Suche nach Rezensionen oder irgendwas sonst zeigen dürfte. Gründe dafür gibt es sicherlich einige; einer der gewichtigsten dürfte sein, dass das Album irgendwie niemals so richtig rausgekommen ist.
 

Ach so, ich habe ja noch gar nicht gesagt, um was/wen es hier genau geht, aber im Prinzip liegt da schon mal der Hund begraben, denn die Frage nach dem Interpreten gibt schon einen sehr entscheidenden Hinweis darauf, dass ein paar Dinge entscheidend schiefgelaufen sind. Ursprünglich stand dem Album mit dem Titel Party nämlich der Name Howl voran. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die Relapse-Band, aber ebendiese hatte etwas dagegen, dass da jemand unter demselben Namen eine Platte herausbringen wollte, denn schließlich wollten sie zufällig zeitgleich selbst durchstarten. 


Mal ganz im Ernst - ich gehe ziemlich sicher davon aus, dass es noch die eine oder andere Band mit Namen Howl auf diesem Planeten geben dürfte (jetzt im Moment, in Zukunft und ganz bestimmt auch schon vor dieser Relapse-Band da!), aber vielleicht hat halt nicht jede von ihnen ein finanzgewichtiges Backup in Form von Anwälten, um die Namensansprüche auch entsprechend durchzusetzen. Die Relapse-Howl aus Providence, Rhode Island konnten die anderen Howl (aus Costa Mesa, Kalifornien) auf jeden Fall äußerest erfolgreich davon abbringen, unter diesem Namen Musik zu veröffentlichen, was insofern ungünstig war, als diese ja soeben ein Album aufgenommen und zumindest schon mal bei iTunes eingespeist hatten. In der allgemeinen Ratlosigkeit, wie man mit der Situation umgehen sollte (auf ihrer MySpace-Seite hauten sie damals z.B. aus Trotz im Wochentakt wahre Bandnamen-Ungetüme raus, die es so garantiert noch nicht gegeben hatte), ging dieser Release dann auch wenig überraschend unter, und mit dem viel zu spät nachgeschobenen neuen Bandnamen Wyo Stars wurde dann auch kein neuer Promo-Angriff mehr gestartet. Als sie knapp zwei Jahre später die Vinyl-EP Basuco Spells herausbrachten, legten sie und das mehrere tausend Kilometer entfernte schwedische Label Deleted Art sich ebenfalls nicht wirklich ins Zeug, und eine ursprünglich geplante zweite EP wurde dann auch leider nie nachgelegt.

Über die Gründe darf nur spekuliert werden, aber einer dürfte Mastermind Braden Miller sein, der insgesamt immer zu viele Eisen im Feuer, dabei aber seltsamerweise nicht den entscheidenen Antrieb zu haben scheint, um mindestens eins davon mal richtig nach vorne zu bringen. Mit Bad Dudes 2008 auf Europa-Tour zu gehen, war ihm zu anstrengend, und auch seine ganzen anderen Projekte versanden irgendwie immer wieder bzw. laufen unter ferner liefen bzw. kommen nicht über sein unmittelbares Umfeld Orange County hinaus. Was ist z.B. eigentlich aus Megasquid und Petro geworden? Oder wurden diese beiden Projekte schlicht und einfach nur unter dem Namen Wovette zusammengefasst, von dem es zumindest zwei Veröffentlichungen gibt? Und um was genau handelte es sich bei der Sache mit Ben Aigboboh, womit er es sogar beim Pacific Festival live auf eine Bühne geschafft hat? 
Wie dem auch sei - das ist vor allem deshalb so tragisch, weil diese Sachen allesamt qualitativ durchaus das Zeug dazu hätten, auch Leute außerhalb seines unmittelbaten Bekanntenkreises zu begeistern. 


Aber ich möchte mich gar nicht so sehr mit Brady beschäftigen, denn schließlich habe ich das schon einmal in diesem Blog getan. Stattdessen wollte ich ja über Party von Howl/Wyo Stars reden, das einfach viel zu unbekannt ist und mittlerweile sogar legal und gratis zu haben ist (übrigens ebenso wie Basuco Spells, das qualitativ in derselben Liga spielt), womit auch die Verfügbarkeitsfrage geklärt wäre:



OK, jetzt aber mal Butter bei die Fische - was ist denn jetzt so toll an Party?

Zunächst einmal die Fakten: mit 27:41 ist das Album nicht einmal eine halbe Stunde lang. Natürlich könnte man die Spielzeit jetzt durch Hinzunahme von Basuco Spells und dem 2011 bei Soundcloud veröffentlichten und sogar auf der ursprünglichen Vorabversion (auch als alternate mix "bekannt") noch enthaltene Night Girls künstlich auf knapp 47 Minuten aufblähen, was ja schon eher nach einem Album klingt; rein stilistisch würde auch nichts dagegensprechen, und unterbewertet genug sind diese sechs "Bonustracks" auch, aber warum kann eine geile Platte nicht auch nur eine knappe halbe Stunde lang sein? Slayer haben das doch mit Reign in blood auch schon mal vorgemacht, und bei Brady Miller scheint es ohnehin nicht so abwegig und ungewöhnlich zu sein, kurze Alben rauszubringen - das Debüt von Bad Dudes ist nur 31:19 lang gewesen, und The 7/8 wonders of the world der Bad Dudes-Vorgängerband Miracle Chosuke sogar nur 13:35! Interessanterweise hat man bei diesen beiden Alben nicht das Gefühl, zu wenig Musik gehört zu haben, denn beim Blick auf die Uhr ist man eher verwundert, dass das nur so kurz gewesen sein soll. Für mich sind das auf jeden Fall Alben und nicht etwa EPs o.ä.!

Genau wie auf dem (leider einzigen) Miracle Chosuke-Album enthält auch Party neun Songs, und einer davon ist tatsächlich sogar auf beiden Alben zu hören - bei "Nemoto" (Wyo Stars) und "Nemesis" (Miracle Chosuke) handelt es sich nämlich um das gleiche Stück. Wenn man weiß, dass schon Bad Dudes und Miracle Chosuke stilistisch durchaus Überschneidungen aufwiesen, kann man also getrost davon ausgehen, dass auch Wyo Stars musikalisch ähnlich ticken. Dies ganz alleine auf Brady Miller zu schieben, würde aber seinen jeweiligen Mitstreitern Unrecht tun. Er hat nun einmal eine sehr charakteristische Art zu spielen, aber er umgibt sich auch definitiv gerne mit äußerst fähigen Musikern. Auf Galapagos Momentum von Paul Lais Herzensangelegenheit Upsilon Acrux konnte man Miller zwar hundertprozentig heraushören, aber Kenner dieser Band würden wohl nie behaupten, dass er dieses Album und damit die Band an sich gerissen hätte. 

Durch Upsilon Acrux komme ich persönlich dann sehr bald auf die Idee, dass er offenbar gerne vor allem einen weiteren Gitarristen an seiner Seite hat, mit dem er sich auf Augenhöhe befindet. Bei Miracle Chosuke und Bad Dudes war das Dan Gerchik, bei Wyo Stars heißt der Partner an seiner Seite Aaron Danks. Dieser ist auf Party vor allem für die eher auffällig virtuosen Parts zuständig während Miller selbst bei dieser Band fast schon ein bisschen tiefstapelt, ohne dabei jedoch minder virtuos zu sein. Ganz im Gegenteil eigentlich sogar - im Grunde macht sein Gitarrenspiel geradezu die Quintessenz dessen aus, was ich eingangs als "unterbewertet" bezeichnet habe. Dass er einen weiteren Gitarristen an seiner Seite zulässt, ist dabei auf jeden Fall kein Ausdruck von fehlendem Selbstbewusstsein, sondern vielmehr der Beweis dafür, dass er eine ganz besondere Vision hat, wie Gitarren zu klingen haben. [Ich denke sogar übrigens , dass der als Gitarrist ja wirklich unantastbare Robert Fripp vergleichbare Motive hatte, als er Anfang der 80er einem gewissen Adrian Belew "erlaubte", in seiner Band ebenfalls dieses Instrument zu bedienen. Aber das nur nebenbei...]


Verdammt - schon hänge ich irgendwie wieder bei Brady Miller! Aber ohne Aaron Danks und seinen anderen Mitstreitern zu nahe treten zu wollen: Wyo Stars ist mehr noch als Miracle Chosuke, Bad Dudes und natürlich erst recht Upsilon Acrux nun einmal ganz eindeutig die Band von Braden Paul Miller!
Nicht nur Nemoto und B Evil, den Hit des Albums, hat er z.B. komplett alleine eingespielt. Er hatte das gesamte Album schon einmal alleine in seinem Schlafzimmer aufgenommen (nur für die Schlagzeugaufnahmen ging er ins Studio), und lt. Bassist Patrick Hunt war diese Aufnahme sogar bereits "good enough to release". Miller selbst war allerdings ganz offensichtlich nicht dieser Meinung und nahm mit den anderen Bandmitgliedern Bass, Synths und die meisten Gitarren noch einmal neu im Studio auf. Dabei wurde gleich die Songreihenfolge umgestellt und das bereits erwähnte Night Girls -aus welchem Grund auch immer- rausgeschmissen.


Als Brady mir diese erste Version des Albums netterweise irgendwann mal zur Verfügung gestellt hat, war das für mich eine sehr spannende Angelegenheit, weil ich Party einfach von vorne bis hinten sehr genau kenne und somit die manchmal gar nicht mal so großen Veränderungen sehr genau hören konnte. Was dabei unter dem Strich übrigblieb, war auf jeden Fall einmal mehr die Erkenntnis, dass das Album und die Band ganz klar Bradys Baby sind, denn die Unterschiede zwischen Demo und Endprodukt sind eigentlich nur marginal.

Nun denn, wie kriege ich nach dem ganzen Gesülze jetzt noch die Kurve? Schließlich war mein Anliegen  ja, dieses meiner Meinung nach am meisten unterbewertete Album aller Zeiten vielleicht doch noch zwei, drei Leuten näherzubringen. 

 Nach nunmehr fast 1.500 Wörtern (ach Du Sch...!!!) will ich wenigstens das kurzmachen:

Selbst Gitarristen werden vielleicht gar nicht sofort wahrnehmen, dass das hier vor allem eins ist - ein Gitarrenalbum, das seinesgleichen sucht! 
Leute, die Progrock und seine Subgenres eher unsympathisch finden, werden bei Party  ebenfalls nicht bemerken, wie viel hier eigentlich passiert, denn Wyo Stars betreiben allzeit geschicktes Understatement und nerven niemanden, der nicht ausdrücklich darauf hören möchte, mit ihrem Können instrumentaler wie kompositorischer Art. Die in einer der wenigen Rezis zu Bascuco Spells aufgeworfene Frage, ob es sich bei der Band um "crazed fusion funkateers from outer space" handelt, die die "L.A. experimental rock scene of the future" beherrschen wollen, sollte man für diese Musikfreunde also besser  gar nicht erst erwähnen, sondern es vielleicht eher bei dem vergleichsweise weniger pompösen "sci-fi pop" aus derselben Rezension belassen. Wenngleich ebendort auch die Bezeichnung "punk-prog" fällt, sollte diese jedoch lieber bei Bad Dudes bleiben, weil sie dort einfach angebrachter ist.

Dass Party von Howl/Wyo Stars aufgrund der Begleitumstände bei der Veröffentlichung und wegen der an Lethargie grenzenden Untätigkeit der Beteiligten (allen voran Mastermind Brady Miller) derart verunfallt ist, kann man schlimm finden, und tatsächlich tue ich das auch, weil dieses Album einfach mehr Aufmerksamkeit verdient hätte; andererseits kann ich als Musiksnob froh sein, in meiner All Time Faves-Liste tatsächlich eine Platte zu haben, die bei den allermeisten Musiksnobs, denen man diese Liste präsentiert, zu beklemmendem Achselschweiß führt, weil diese damit einfach nur kalt erwischt werden. Was gibt es Schöneres?!?

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